KLEINER LITURGISCHER „KNIGGE“
In der Praxis und für die Praxis suchen Berufsanfänger oder zu neuem Lernen Bereite vergeblich nach Hilfen, die sich an üblichen Gottesdienst-Situationen orientieren. Als praktisch nutzbare Ausgangsbeschreibung ohne normativen Anspruch werden im Folgenden Anstöße und Anhaltspunkte, Kriterien und Alternativen in Form eines „Kleinen liturgischen Knigge“ dargeboten. Um die Diktion zu vereinfachen, ist für den Pfarrer bzw. die Pfarrerin oder die liturgisch aktive Person immer wieder auch die Ich-Form benutzt worden.
Esc löscht.Wie gehe ich auf den Gottesdienst zu?
Jeden Schritt hin zum Gottesdienst mache ich als bewussten Schritt. Das beginnt mit der Verfertigung und Sprechprobe der Predigt oder bestimmter Bewegungsteile, am besten natürlich nicht eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst, sondern ein, zwei Tage vorher in der Kirche. Je näher der Gottesdienst rückt – bzw. ich in ihn komme -, desto sorgfältiger und durchdachter gehe ich meine Schritte auf ihn zu. Ich bin gut ausgeruht und habe sogar noch Zeit für etwas Entspannendes, z. B. einen Spaziergang. Was für ein Frühstück gehört dazu? Was ziehe ich an? Habe ich ausreichend stille Zeiten vor dem Gottesdienst? Gibt es Zeit und Räume für meine Gebete, fürs Einsprechen oder Einsingen der Stimme, kommt meine Atmung in ein gutes Maß? Habe ich im Blick auf meine Handikaps und Einschränkungen gut vorgesorgt (Brille, Hörhilfen usw.)? Bin ich also auch physisch gut versorgt und wirklich für den Gottesdienst bereit? Welche Stationen helfen mir unmittelbar vor dem Gottesdienst (Spaziergang, Auf- und Abgehen in der noch leeren Kirche, letzte – hoffentlich nicht erste! – Verständigung mit dem Kantor und anderen aus dem Gottesdienstteam oder absolutes Für-mich- und Bei-mir-selbst-Sein)? Wer gern alle Ankommenden informell begrüßt, frage sich, ob er das braucht oder die Gemeinde das wirklich so erwartet.
Meine liturgische Kleidung
Zum Ankleiden und fürs Ablegen gibt es gewisse eigene, Konzentration fördernde Rituale, deren Vernachlässigung sich früher oder später rächt. Natürlich habe ich vorher dafür gesorgt, dass da nicht ein zerknittertes Beffchen, schiefe Falten, Flecke oder gar Beschädigungen im Talar (oder Albe, Mantel usw.) meine und anderer Aufmerksamkeit aufsaugen und mir und den Mitfeiernden die Präsenz im Gottesdienst behindern. Ich bin „richtig“ angezogen, wenn ich in meiner privaten und liturgischen Kleidung natürlich und unangestrengt stehen, sitzen und gehen kann. Zum Beispiel sind volle, sich ausbeulende Talartaschen eine Störung für mich und andere. Kugelschreiber, Brillenetuis, Haus- und Autoschlüssel, Mini-NTs gehören nicht hierhin! Der Platz reicht für ein Taschentuch, Hustenbonbons, Kollektengabe, vielleicht einen kleinen Spiegel. Wenn auch in Nachbarländern oder anderen Traditionen die Kleidung unter dem Talar weniger streng gesehen wird, sollte ich hier auf dezente und vor allem angemessene Kombinationen achten. Ich ziehe also weiße Hemden (oder Blusen), schwarze (oder dunkelgraue) Strümpfe an. Mein Kostüm, mein Anzug, meine Kombination ist ebenfalls schwarz, dunkelgrau oder dunkelblau und einfarbig. Rollkragen von Pullovern und andere stilistisch unangemessene Kleidung benutze ich nicht. Im Gottesdienst ziehe ich den Talar nur aus (oder öffne ihn), wenn es klar nachvollziehbare liturgisch-dramaturgische Spezialanlässe dafür gibt. Wer die Praxis hat, sich vor der Gemeinde den Talar anzuziehen – weil es sonst keinen Raum gibt oder weil es örtlicher Brauch ist -, tue das ruhig und gelassen, nicht in einem vermeintlichen Versteck (hinter Altar, Kanzel o. Ä.). Wer die persönliche Tradition pflegt, beim Anziehen einen Bibelvers oder ein Gebet zu sprechen, leise oder für andere hörbar, tue das unverkrampft und wie ein Tischgebet. Beim gemeinsamen Ankleiden mit Gästen – etwa vor einem ökumenischen Gottesdienst oder vor einer „Gemeinsamen Trauung“ – ist eine kurze Information zur Einbeziehung der Gäste sinnvoll. Ohne ein Gebet oder das trinitarische Votum gehe ich nicht in den Gottesdienst.
Wie gehe ich im Gottesdienst?
Im Regelfall des Sonntagsgottesdienstes gehe ich – mit dem Gottesdienstteam – an den reservierten Platz, und zwar ohne Umschweife und Umwege. Ich trage nicht meine Handbibliothek unterm Arm, d. h. eventuell benötigte Bücher oder gar liturgisches Gerät sind bereits am dafür vorgesehenen Platz. Ich laufe nicht zum Verteilen dieser Dinge hin und her oder besuche andere Personen, um etwas zu fragen oder mitzuteilen. Ich bin und wir sind wirklich vorbereitet, und die wartende Gemeinde kann das sehen. Die meisten sprechen am Platz bzw. dem Kreuz, Abendmahlstisch oder Altar zugewandt noch ein stilles Gebet. Das tut immer gut. Am Platz angelangt und mich hinsetzend (zum Sitzen raffe ich kurz den Talar und lasse vom Spielraum zum Aufstehen) sitze ich mit nebeneinander gestellten Beinen. Gekreuzte Beine wirken nicht nur zu leger, sie behindern auch meinen Aufstehschritt. Ich krame und räume nicht an und in meinen Utensilien herum. In aller Regel sind spezielle Einzugsrituale kein großes Problem. Sie sind meist sorgfältig abgesprochen (Brautpaar, Jubilare, Ordinationen, Einführungen) oder geprobt (Konfirmation u. Ä.). Als Pfarrer, Pfarrerin oder Superintendent vermeide ich das beliebte Spiel „Unser Bischof kommt zu Besuch“; auch huldvolles Herumschauen in die Menge hinein wirkt eitel.
Wo sitze ich, wie sitze ich?
Wie gehe ich mit meinen persönlichen Materialien um?
Der Platz für Kirchenvorstand/Presbyteri-um/Gemeindekirchenrat, Gottesdienstteam und Pfarrer ist in den meisten Kirchen festgelegt- aus architektonischen oder praktischen Gründen. (Ausnahmen müssen also auch begründet und für Gottesdienst-Mit-feiernde leicht nachvollziehbar sein.) Auf meinem Platz verhalte ich mich ruhig und natürlich. Ich unterlasse hektisches Durchkontrollieren oder Zählen der Anwesenden, ebenso das Zuwinken oder Zunicken zu Fans oder Bekannten. Wenn man mich sieht, sieht man ruhige, natürliche Aufmerksamkeit.
Wegstrecken während des Gottesdienstes
Für alle gottesdienstlichen Wege gilt: Ich gehe sie ohne Um- und Abschweife, aber angemessen zur Architektur, zum Charakter des Gottesdienstes und mit natürlicher Ruhe, ganz im Gegensatz zu künstlicher Würde oder unsicherer Hast. Ich verknüpfe diese Wege nicht mit anderen Verrichtungen, indem ich also beim Gang zum Lesepult gleichzeitig das Lektionar oder die Bibel öffne. Eines nach dem andern. Erst hingehen. Lieh hinstellen, auffichten, durchatmen, Blickkontakt aufnehmen, dann das Buch öffnen! Ich bin nur in Ausnahmefällen dann unterwegs, während andere hervorgehobene litur gische Akte vollziehen, z. B. (mit ihrem Gesang) Gott anbeten. Ich gehe nie rückwärts oder seitwärts. Ich setze immer einen Fuß vor den andern und wende Kopf und Körper in meine Wegrichtung, d. h. ich drehe mich in die Richtung, in die ich gehen will. Das bedeutet, dass ich am Altar/Abendmahlstisch oder am Taufstein vorher gut wissen muss, was ich will. Es kann kurze Augenblicke des Anhaltens geben, nämlich dann, wenn Stufen oder Hindernisse im Weg sind. Doch nach dem kurzen Halt gehe ich in aller Ruhe die „Kurve“ oder um die Ecke. Auf keinen Fall gehe ich abenteuerliche Abkürzungen oder laufe einfach schräg durch den Altarraum. Auch der Weg von der Kanzel herab (Talar raffen!) ist eine typische Situation für bedachte Vorsicht. Bei diesen Wegen sind es immer die markanten Punkte und Kompositionen des kirchlichen Raums, die meine Anwesenheit in diesem Ensemble mitbestimmen. Ich gehe also auch nicht schräg auf den Altar oder ein zentrales Kreuz zu. Und in Kirchen anderer Traditionen erweise ich dem Respekt, was diese Kirchen in ihrer architektonischen Liturgie ausdrücken. Hilfreich könnte sein, mir von einem Beobachter einmal eine Art Diagramm meiner gottesdienstlichen Wege aufzeichnen zu lassen. Das würde nicht nur zeigen, welche Wegstrecke ich tatsächlich zurückgelegt habe und also gut planen sollte, sondern auch, was nötige und was unsinnige Wege sind. Mit anderen Worten: Wege im Gottesdienst sind immer Wege „coram publico“, vor aller Augen. Ich werde beobachtet. Ich bin auch die einzige Person, die alle mit Recht beobachten dürfen. Ich bin die öffentliche Person. Gerade nach mir richten sich Mitfeiernde, die nicht mit der Liturgie vertraut sind!
Drehungen und Beugungen
Drehe ich mich auf der Stelle (etwa vor dem Altar) um, dann drehe ich mich um – und nichts sonst. Erst also, nachdem ich mich vollständig (zum Altar) umgedreht habe, nehme ich z. B. den Kelch usw. Zu den Drehbewegungen vor dem Altar heißt die alte Regel cor ad altarem: Die Herzseite wende ich zuerst dem Altar zu. Beim Zurückdrehen mache ich diese Bewegung quasi rückwärts. Ich drehe mich also nicht vor dem Altar um die eigene Achse. (Merke: Ich „öffne“ mich hin zu einer neuen Position wie eine Tür, aber ich bin keine Drehtür!) Ausnahmen hierzu gibt es, wenn z. B. mehrere Liturgen gleichzeitig am Altar amtieren, wenn körperliche oder andere Behinderungen abweichende Bewegungsabläufe fordern oder wenn ich ein unverbesserlicher Rechtsdreher bin. (Bin ich Rechtsdreher, kann ich’s bleiben – aber dann bitte immer.) Bin ich mit mehreren am Altar, ist abzusprechen, wer sich wie dreht. Dabei kommt es hauptsächlich darauf an, dass sich die Handelnden nicht in die Quere kommen oder Zusammenstößen. Gerade in ökumenischen Gottesdiensten sind solche Abklärungen -und zwar vorher! – wichtig. Zu Verbeugungen ist zu sagen, dass sie entweder praktische Gründe haben (Hinbeugen zur Kniebank des Brautpaares; Zuwendung zu Menschen, die die Eucharistie sitzend feiern: Alte, Behinderte usw.) oder gewissermaßen Nachklänge eigentlicher Verehrungsgebärden sind, also z. B. protestantische „Schatten“ der Kniebeuge darstellen. Rein technisch gilt, was schon im klassischen Büchlein für liturgische Ausbilder der Priester, J. B. Müller, dazu steht: ,,a) Man beuge das rechte Knie neben dem Knöchel des linken Fußes bis auf die Erde; b) Kopf und Oberkörper halte man dabei gerade, nicht gebückt; c) man richte sich ohne Verweilen wieder auf. .... Bei der Kniebeugung mit beiden Knien (prostratio) beugt man zuerst das rechte, dann das linke Knie; hierauf macht man eine mäßige Verneigung des Körpers und erhebt sich wieder.“ Die kleine Verbeugung wird gelegentlich noch immer von den Kommunikanten nach dem Empfang des Abendmahls gepflegt -eine Dankgebärde. Sie kommt weiter vor, wenn bei gemeinsamen Gottesdiensten mit anglikanischen, katholischen oder orthodoxen Priestern – und speziell in Kirchen dieser Traditionen – Momente der Altar-, Ikonenwand-, Kreuz- oder Tabernakelverehrung vorgesehen sind. Den Priestern dieser Kirchen tut es körperlich weh, wenn ihrer Kniebeuge durch mitfeiernde protestantische Geistliche „nicht wenigstens“ durch eine Verbeugung entsprochen wird. Ökumene findet nicht nur in Papieren und Köpfen, sondern auch in der verkörperten Liturgie statt!
Mein Körper feiert immer mit: Zum liturgischen Körperverhalten
Zu den liturgisch formal fest gelegten Haltungen ist zu sagen:
Beim Sitzen, Aufstehen, Gehen, Stehen, Drehen ist die erste Regel: natürliche Entspanntheit. Wer nicht das Glück hat, mit professionellen Körpertrainem zu lernen und zu arbeiten, braucht Helfer, die ihn beobachten. Dass beim Sitzen und Stehen die Füße voll aufgesetzt werden, parallel zueinander sind und in etwa die Breite des Hüftgelenks umfassen, ist eine orthopädische Binsenweisheit wie jene andere, nicht mit durchgedrückten Knien („stramm“) zu stehen. Dass bei der Kommunikation in Augenhöhe und von Angesicht zu Angesicht mit der Gemeinde nicht getänzelt werden darf, also auch kein Spielbein-Standbein-Ballett stattfindet, ist ebenfalls klar. Ziel aller Bemühungen um eine angemessene Körperhaltung ist, dass es weder bemüht angestrengt noch läppisch und arrogant aussieht. Ich lasse also unten in der Bein- und Fußarbeit keine zweite Veranstaltung stattfinden. Alles, was ich körperlich bin, ist dort, wo es in der Feier des Gottesdienstes hingehört, ist bei der Sache und gleichzeitig bei mir – und nirgendwo anders. Gehen wir also zur Körpergrammatik: Das wichtigste „Werkzeug“ sind – außer dem Gesicht – die Hände'. Ich habe sie nur in der (Talar-)Tasche, wenn sie dort etwas zu suchen haben; sie sind auch nicht im Gesicht, nicht am Brillenrahmen, nicht verschränkt (außer zur Demonstration einer Figur in der Predigt), nicht auf dem Rücken. Sie erzählen und gestikulieren, wenn und wie es ihnen danach quasi automatisch ist – also bei allen freien Kommunikationselementen und in der Predigt. Dann „arbeiten“ (setzen Akzente, geben einen Rhythmus vor, zeigen, erzählen, spielen und atmen) sie in Brusthöhe oder – je nach Kommunikationsszene – darüber oder darunter, aber nicht zu tief. Beim Sitzen liegen die Hände locker und entspannt im Schoß – und nirgends sonst. Beim Stehen sind sie, wenn sie nichts Spezielles (Segnen, Buch halten, Abendmahl) zu verrichten haben, ebenfalls locker und entspannt ineinander gelegt, etwa in Höhe oder wenig unterhalb der Taille. Die angemessene Stelle kann ich mit Hilfe von helfenden Beobachtern herausfinden. Beim Gebet sind sie wirklich gefaltet oder zusammengelegt. Sie blättern also dabei nicht in der Agende oder im Gesangbuch! Breite ich sie bei bestimmten Gebeten aus, mache ich mir bewusst (und übe mit Beobachtern!), was ich damit körpersprachlich unterstützen will. Genauso ist es bei meiner Segensgebärde. Werde ich so auch wahrgenommen? Und passt das zu anderen Mit-liturgen, etwa beim Segen, wenn er gemeinsam mit einem Priester gesprochen wird? Fordere ich auf oder lade ich ein (etwa zum Abendmahl), dann sagen das meine Hände deutlich und „wirk-lich“, machen ihre Arbeit also nicht in zu kleinem Rahmen. Aber sie kommandieren auch nicht. Ihre Gestik ist also zwar immer sichtbar, aber sie bleibt unterstützendes, helfendes Handeln, ist, wie die Fachleute sagen, ein „supportive movement“. (Mit anderen Worten: Ich wedle also nicht mit der Agende, damit die Gemeinde sich erhebe. Diese und andere „Auf-gestanden!“-Gesten gehören nicht in einen evangelischen Gottesdienst.) Bei der Handauflegung lege ich sie wirklich (locker) auf. Das Schwebenlassen (oft mit „Zittereffekt“) kostet mich Kraft und lenkt mich vom Handlungsfokus ab. (Ich weiß aber auch, dass Frauen, die gesegnet werden, von einem zu starken Druck befürchten, er könnte ihre Frisur eindrücken.) Ich benutze möglichst immer beide Hände. Ob das ein Brautpaar oder zwei Konfirmanden sind -beide Hände! Bei vier Personen spende ich den Segen also zweimal, nacheinander; bei drei Personen bekommt der Dritte ebenfalls die Segnung (beidhändig) extra.
Zum Kreuzeszeichen und zum aaronitischen bzw. levitischen Segen:
Das Kreuzeszeichen muss mit dem Körperbild der Person übereinstimmen, die es zeichnet – und zwar in Raum und Zeit. Zu klein bzw. zu schnell ist es lächerlich und wird besser unterlassen; zu groß und zu gravitätisch bekommt es Nebenbotschaften, die seine eigentliche, das Golgatakreuz erinnernde Funktion im wahrsten Sinne des Wortes verwischen. Wer das Kreuzzeichen (beim Schluss-Segen, bei den Einsetzungsworten, bei der Evangeliumslesung usw.) pflegt, der sollte es also gut gelernt und geübt haben. Beim Schluss-Segen ist der synchrone Gebärden-Wortlaut-Ablauf („timing“) so wichtig wie die einzelne Gebärde. Wird Num 6, 24-26 gesprochen, beginnt der „Text“ erst, wenn die Hände etwa in Augenhöhe zur Ruhestellung gekommen sind. Nach der Aussage gehen sie entweder in eine Grundposition zurück oder machen zur letzten Phase oder danach das Kreuzzeichen. Die Arme sind locker geöffnet, nicht am Ellenbogen abgeknickt, sind leicht vor der Schulterlinie vorgestreckt und erinnern bis in die locker vorn offenen, sacht gekrümmten Hände und Fingerspitzen daran, woher die Segenshandlung kommt: von der persönlichen Segnung, der Handauflegung. Auch dies alles geht nicht ohne Übung. Vor allem in der gemeinsamen liturgischen Feier mit anderen Liturgen, der Konzelebration, ist abzuklären, dass Gesten und Gebärden in Form und Ablauf harmonisch zueinander passen.
Einige Hinweise zur speziellen Körperliturgie bei Abendmahl und Taufe:
Zum Abendmahl:
Der Tisch ist gut vorbereitet und die eigentliche Liturgie beginnt. Wichtig wird nun, dass ich Blickkontakt zu den Mitfeiernden und zu den „Gaben“ aufbaue. Jeder Worthinweis zu Brot und Kelch fordert visuellen – später auch handgreiflichen! -Kontakt hierzu; umgekehrt ist jede Botschaft zur Gemeinde eben auch zu ihr hin zu kommunizieren und nicht zum Altar bzw. Abendmahlstisch. Bei der Aufdeckung -viele Gemeinden halten die Geräte mit Tüchern bedeckt – gehe ich ruhig vor. Also übe und weiß ich, wohin ich was wie ablege. Bei den Einsetzungsworten gibt es entweder Deute-Gesten (offene Hand weist auf die Elemente hin) oder Demonstrationen (Hochheben und Zeigen des Brotes bzw. der Brotoder Hostienschale; Erheben des Kelches) oder Handlungen (tatsächliches Brechen des Brotes/einer Hostie; sichtbar stattfindendes Eingießen von Wein – oder Saft – in den Kelch). All das mache ich ruhig, nicht magisch-theatralisch. All das geschieht mit Blickkontakt zum Gegenstand. All das geschieht natürlich ohne Ablesen der Texte, es geschieht wirklich aus dem Herzen (wie es so schön im Französischen: „par coeur“, oder im Englischen; „by heart“ heißt), und natürlich coram Deo (im Angesichte Gottes) und coram publico (vor aller Augen und Ohren). Gibt es eine Demonstration oder gar einen vollen Handlungsgang (Brechung des Brotes), geschieht das sichtbar, nicht irgendwo auf dem Abendmahlstisch. Der öffentliche Ort dieser Handlungen ist – wie bereits oben beschrieben – jener Raum, wo das Beffchen ohnehin den schwarzen Talar akzentuiert, d. h. in Brusthöhe (und mittlere Distanz zum eigenen Körper: Ich muss also weder „mit ausgestrecktem Arm“ arbeiten noch zu intim mit Brot oder Kelch werden). Was ist bei der Austeilung“ bzw. Kommunion zu beherzigen? Es ist wirklich das Symbol eines Mahles. Örtliche Gepflogenheiten regeln, wie ausgeteilt wird (ob in Gruppen am Altar – frontal, Halbkreis, Vollkreis -stehend und passiv oder durch Weiterreichen, ob in den Sitzreihen, ob an Tischen [reformierte Traditionen] oder an Kniebänken und Schranken, ob in offenen Zahlen und Warteschlangen oder mit den jeweiligen Zugang regelnden Helfern, ob mit Kindern, mit Optionen [Gemeinschafts- oder Einzelkelch, Eintauchen/Intinctio, Wein/ Saft usw.] oder vielen anderen Varianten. Meist gibt es auch örtliche Absprachen, wer zuerst, wer zuletzt kommuniziert; anders als in der katholischen oder anglikanischen Messfeier muss nicht der Klerus zuerst versorgt werden; meist ist es unter Protestanten umgekehrt. Spenden sich Liturgen gegenseitig die Elemente, beginne der Leiter der Feier mit der Austeilung an die anderen.) Die gesamte Körperkommunikation soll helfen, dass die Atmosphäre würdig und heiter zugleich sein kann; alles Geschehen ist transparent und einsichtig, sodass jeder Neue, jede Fremde sich leicht zurechtfin-det. Der Austeilungsvorgang selbst ist keine Abfütterung, Tränkung, Medikamentenausgabe oder Inszenierung gewollter Gemeinschaft. Form und inhaltlicher Vollzug müssen also offen genug bleiben, damit innerhalb der eucharistischen Gemeinschaft auch die Einzelnen wahrgenommen und respektiert bleiben. Das bedeutet wirklichen, dialogischen Blickkontakt und hohe Einfühlung gegenüber allen und den jeweils einzelnen Kommunikanten und Kommuni-kantinnen. Als „Hauptzelebrant“ bin ich also nicht nur mitfeiernder Pfarrer oder mitwirkende Pfarrerin, sondern wirklich Gehilfe zur (Abendmahls-)Freude, in diesem Sinne -wie Jesus seinerzeit! – also auch Mundschenk, Kellner, Seelsorgerin und so etwas wie eine eucharistische Pädagogin. Ich unterstütze die Teilnehmenden in jeder Hinsicht und wenn es durch Zurückhaltung ist. Zuviel des Guten tun wollen und sich ständig verbal oder körperlich einmischen, kann wirklich schaden. (Es ist verblüffend, wie wenig Zeit manche Pfarrer den Abendmahlsgästen und sich selber lassen, wenn es um das Brot des ewigen Lebens geht...) Alles, was für Vorbereitung und Beginn der Abendmahlsfeier gilt, trifft auch für ihr Ende zu. Es geht ruhig und transparent zu. Ich lasse nichts unaufgeräumt stehen und der Tisch des Herrn, an dem Erinnerung, Vergegenwärtigung, Freude, Hoffnung und Gemeinschaft gefeiert wurden, verdient auch nach der Feier Respekt. Hier ist ja gerade das Leben und Sterben des einen mit der Biographie der vielen in sinnlichen und körperlichen Kontakt gekommen. Was geschieht mit den „Resten“ vom Abendmahl? Am besten ist es, wenn sie, sofern hygienisch nichts dagegen spricht, anschließend von den Konzelebranten verzehrt werden. Auch für Hausabendmahlsfeiem am selben Tag wären sie gut geeignet oder für den in vielen Gemeinden nachfolgenden Kindergottesdienst. Auf keinen Fall werfe ich sie weg! (In vielen alten Kirchen gibt es eine besondere Öffnung, das Sakrarium, durch die Wein und Saft (und auch das Taufwasser] dem Erdboden direkt zurückgegeben werden können. Hier und da gibt es dazu die Tradition, dies mit einem Gebet zu tun ...)
Zur Taufe:
- „buchlose“ Durchführung (in der linken die Agende, in der rechten das Tauf wasser – lächerlich!);
- Talarärmel beim Taufakt: Sie lassen sich gern mittaufen;
- gelassene, entspannte Ruhe. (Die anderen Beteiligten sind viel aufgeregter.)
Wie ist es mit meinen privaten Formen im Gottesdienst, z. B. bei einer informellen Begrüßung, bei improvisiertem Reden/Gehen/Stehen?
Im gewissen Sinne am persönlichsten kann ich auf der Kanzel sein, wenn – nach dem Kanzelgruß – die selbst erdachte und nun freie und persönliche Kommunikation durch die Predigt geschieht. Dennoch sind sehr private Handbewegungen wie Gesicht-, Nase- und Ohrkratzen, Schritt raffen – auch hier tabu. Es bleibt öffentliche Kommunikation und die Kanzelbrüstung ist keine Theke, kein Tresen, kein Autodach – also Dinge, an die man sich bequem lehnen können würde. Normalerweise haben private Kommunikationsformen viel Überflussinformation (Redundanz), sind voll gestischer, sprachlicher oder gewohnheitsmäßiger „Geschwätzigkeit“. In der Alltagskommunikation sind wir in dieser Weise sehr redundant und können daher mit halben Sätzen, mit Brüchen und Sprüngen reden und unsere Körpersprache springt mit, geht zurück, übertreibt oder kommentiert (Hand in der Hosentasche; Grimassen usw.). Das geht im öffentlichen Gottesdienst nicht. Die Sätze müssen logisch und fertig gebaut sein – also auch die Körperkommunikation. Meine Körperliturgie unterstützt die verbale Kommunikation. Zu einigen verbalen Formen: Begrüßung, Votum, Einladungen und Aufforderungen, Präfamina, Abkündigungen, Instruktionen Für alle verbalen Kommunikationen gilt: Je kürzer, desto besser! Eine Begrüßung ist eine wirklich zu vollziehende („performative“) Begrüßung, also nicht ihre verklemmte Beschreibung. Wer also sagt „Ich möchte Sie hier ... begrüßen ...!“, redet schon Unsinn. Eine Begrüßung wäre, der Gemeinde zugewandt, zu sagen: „Guten Morgen!“ oder „Einen schönen Sonn tag zusammen!“ oder „Grüß Gott!“. Allerdings wird vielen erst hier bewusst, was in einer Begrüßung tatsächlich geschieht. Und um was es geht, um den Akt der Begrüßung, das war schon immer in der Liturgie da, z. B. in: „Der Herr sei mit euch!“ oder „Friede sei mit euch!“ Das gilt so auch für Eingangsvotum, für Abkündigungen, für eventuelle Präfamina und Abschlüsse zu Lesungen und für den liturgischen Rahmen der Predigt in Kanzelgruß und Kanzelsegen. Die Liturgie und ihre gewachsenen, vereinbarten Texte gehören nicht mir! Gewiss kann ich von diesen Regeln abweichen und (kleine andere) Akzente setzen, etwa bei den Präfamina zu Lesungen. Aber bitte sparsam. Wo Einladungen oder Aufforderungen (zum Gebet, zum Stehen, Sitzen, zur Kommunion) vorkommen, ist ihre ausdrückliche Sprachform immer dem gestischen Signal vorzuziehen. Wo es ebenfalls „klassische“ Formen gibt, werden sie nicht durch Neuvarianten besser. Was also auf Latein „oremus“ war oder ist, heißt im Deutschen schlicht „Lasst uns beten!“, nichts sonst. Das Evangelische Gottesdienstbuch macht hier und da Vorschläge für erweiterte Gebetsaufforderungen. Als Regel ist zu beherzigen: Je unmissverständlicher es knappe und klare und wirkliche (performative!) Einladungen und Aufforderungen sind, desto besser. Kritisch kann das nun aber doch bei Momenten wie „Wir stehen auf zum Gebet!“ oder „Bitte, setzen Sie sich!“ werden. Zum einen klingt das oft so, als gäbe der Liturg, die Liturgin, anderen eine Anweisung. Aber ich habe in meiner liturgischen Funktion nichts zu befehlen, auch nicht, ob sie wann stehen oder sitzen müssten. Auch die Logik ist oft kaum einsehbar. Im Sitzen, das ist bekannt, lässt sich schlecht singen. Doch bis aufs Schlusslied und gewisse liturgische Stücke wird hierzulande im protestantischen Durchschnittsgottesdienst eben nicht zum Singen aufgestanden. Ähnlich ist es bei Schriftlesungen. Da gibt es die eine Schule, die meint (traditionell), nun käme das Wort Gottes direkt zur Sprache, also stünde man aus Respekt. Andere sagen, gerade deswegen ist das Sitzen besser, da könne man besser hören. Absurd wird’s dann oft, wenn bei der Lesung des Predigttextes gestanden wird und die Gemeinde gewohnterweise und quasi automatisch nach oder beim Kanzelgruß aufsteht, die Predigerin nun aber gar nicht mit dem Predigttext beginnt – und sagt: „Nun setzen Sie sich erst einmal wieder!“ Zur weiteren Verwirrung trägt bei, dass viele Pfarrer sich oft selber nicht an ihre Aufforderungen halten und am Ende solcher Einladungen die Gemeinde gern stehen lassen, während sie schon zur nächsten Station eilen. Ohne Verabredungen in den Gemeinden und ihren Gottesdienstteams, ohne ausdrückliche Hinweise in den ausliegenden oder in Gesangbüchern eingehefteten „Ordnungen“ und ohne Vorbildverhalten wird es in Zukunft immer weniger gehen. Geht es um tatsächliche Instruktionen, zum Beispiel, wie der Empfang des Abendmahls vonstatten gehen soll, dann sind sie gut überlegt und knapp. Kommen einzelne Betroffene nicht damit zurecht, sollte das von ihnen nicht als Katastrophe empfunden werden. Zur knappen Form gehört immer ein offener, freundlicher Unterton. Werden Gesänge angesagt, dann werden wirklich die Lieder beim Namen genannt und nicht auf Zahlenangaben reduziert (das „protestantische Sonntagsbingo“). („Lassen Sie uns Nr. 140,1-4 singen!“ ist ein schlechter, stilloser Witz. Wenn schon, dann: „Lassen Sie uns [vom/aus dem Lied],Brunn alles Heils [dich ehren wir]* singen, die Strophen 1-4, unter der Nummer 140 im Gesangbuch!“)
Wie singe ich – als Pfarrer oder Pfarrerin oder Liturg bzw. Liturgin – im Gottesdienst?
Ich feiere immer mit. Bei Liedern aus dem Gesangbuch singe ich also mit, und zwar alle angezeigten (angesagten) Strophen. (Wie schon mehrfach betont, ist das Herumsuchen in den Unterlagen, während die Gemeinde singt, genauso ungehörig wie die Kanzelbesteigung während der letzten Stro-phe[n]. Letztere ist dann angezeigt, wenn etwa in großen Kirchen der Weg zur Kanzel sehr weit ist.) Wo ich in der Liturgie vorbete oder vorsinge, da bin und bleibe ich’s auch. Das andere singen wirklich auch nur die andern. (Das ist gerade bei Wechselgesängen [„Responsori-en“], bei im Wechsel gesprochenen Psalmen im Wechselgebet und bei der liturgischen Begrüßung [„Salutatio“] wichtig. Wenn ich in der Salutatio alles mitsänge, müsste ich logischerweise bei der Antwort singen: „ ... und mit meinem Geist[e]!“ Auch die gesungenen „Amen“ gehören fast immer der Gemeinde! Sogar das Amen am Ende der Predigt.) (Ich bin auch kein Gesangserzieher der Mitfeiernden, jedenfalls nicht während des Gottesdienstes. Zum einen gibt der Kirchenmusiker Tonart, Rhythmus und Tempo an und zum andern können schlechte Gesangsgewohnheiten besser vor dem Gottesdienst oder extra „behandelt“ werden. Meine liturgische oder Mikrofonmacht gibt mir zwar die Möglichkeit, aber nicht das Recht, gegen oder über die Gemeinde [hinweg] zu singen. Wo wirklich musiziert wird, mit Sologesang, Oberstimmen usw., ist das ein Sonderfall. Körpermikrofone lassen sich zum Gemeindegesang abschalten; das ist besser als leises Mitsummen bei den Liedern.)
Feiern mit anderen
- Was geschieht bei euch in der Absolution, im Bußakt?
- Wie macht ihr das eigentlich praktisch mit dem Weihrauch?
- Was sind für dich besondere Höhepunkte in eurer Liturgie, was die Durststrecken?
- Worum beneidet ihr uns?
- Was möchtest du auf keinen Fall im Gottesdienst missen?
Was vermieden werden soll bzw. „verboten“ ist:
- Ich durchquere den Altarraum nicht schräg.
- Ich krame und suche nicht in meinen persönlichen Unterlagen herum.
- Ich lege die Armbanduhr nicht auf die Kanzel(brüstung) bzw. den Altar; auch sehe ich nicht ständig nach ihr (sie bleibt am besten in der Sakristei!).
- Ich schließe die Bibel bzw. das Lektionar am Ende der liturgischen Lesung oder nach Verlesung des Predigttextes nicht schlagartig. (Gerade die geschlossene Bibel auf der Kanzelbrüstung oder darunter vermittelt Nebenbotschaften wie: „Schluss jetzt damit!“ oder „Das war’s. Jetzt bin ich dran.“) Was ich ebenfalls unterlasse, ist:
- Spielen mit abgelegten, gebrauchten Taschentüchern; Parken von Gesangbuch, Bibel, Agende auf dem Fußboden;
- Schweiß mit der Hand/Lippenstift mit Fingern „behandeln“, ohne die Hände danach sichtbar zu säubern;
- Husten in liturgische Gegenstände oder in die Hand hinein, die anschließend Brot austeilt;
- unhygienische Nachlässigkeiten, die Mitfeiernde mit meinen persönlichen Gerüchen /Ausdünstungen belästigen, wozu auch starke Parfüms oder Deodorants gehören;
- offene Schnürsenkel, Talare usw.;
- verschmutzte/verknitterteKleidung(inkl. Beffchen).
- Ich „verstecke“ weder Gegenstände noch Handlungen, noch Worte. (Wer etwas unbemerkt im öffentlichen Gottesdienst zu tun versucht, lenkt gerade die Aufmerksamkeit hierhin. Das gilt auch fürs Flüstern mit Konzelebranten usw.)
- Zum Schuhwerk: Schaftstiefel, extrem hohe Stöckelabsätze, Cowboy-Stiefel, Turnschuhe, Pantoffeln oder Freizeitsandalen sind tabu.
Wer hilft mir und was hilft mir?
Aus dem bisher Dargelegten ist immer wieder deutlich hervorgegangen, dass ich als Liturg öffentlich handle. Das gilt auch für jede Assistenz oder Hilfe; sie ist gleichfalls öffentliches Geschehen. Wenn Hilfe verabredet war (beim Abendmahl, bei Lesungen usw.), ist das ohnehin klar. Brauche ich spontane Hilfe, bitte ich entweder Mitamtierende aus dem Gottesdienstteam oder die Küsterin oder notfalls andere mit dem Gottesdienst Vertraute. Ein bisweilen schwieriger Helfer ist das Mikrophon: Neben den großen technischen Vorteilen hat die Arbeit mit Mikrophonen – vor allem, wenn es statisch platzierte, kabelverbundene Mikrophone sind – einen Nachteil: Sie beeinflussen Rede, Gestik, Haltung und Gebärden der Sprechenden. Jeder kennt die Pfarrer, die den Schwanenhals des Mikros mit eigener Schulterhalskrümmung nachahmen, ständig auf das Gerät schauen, förmlich in es hineinkriechen, mit ihm – es zärtlich streichelnd – spielen oder mit dem Stativ auf Kriegsfuß stehen. Wer kein Ansteckmikrophon hat, sollte lernen, wie und wo er mit dem Mikro arbeiten kann, sollte es nach und nach vergessen oder möglicherweise abschalten lernen. Auch das Sprechen in Modulation, Klang und Rhythmik sollte vom Sprecher, nicht vom Mikro bestimmt werden.
Aufmerksamkeit: Worauf ich achte
Meine Aufmerksamkeit ist während des Gottesdienstes immer bei der Station, dem Ereignis, das gerade geschieht oder in dem ich (oder jemand sonst) engagiert bin. Viele dieser Stationen sind liturgische Phasen, in denen auch andere aktiv sind. Das können andere Mitwirkende aus dem Gottesdienstteam (Kirchenmusiker, Chor, Küster, Mit-liturgen) oder Einzelne und Gruppen der feiernden Gemeinde (Tauffamilien, Abendmahlsgruppen, Konfirmanden usw.) sein. Ihnen widme ich auch in den Phasen der Liturgie eine Art „Stand-by“-Aufmerksam-keit, in denen sie im Wortsinne (noch) nicht vorkommen. Durch die herkömmliche Rolle und den Talar bin ich jene Person, der von all diesen anderen am meisten Aufmerksamkeit gezollt wird. Dieser habe ich zu entsprechen. Ein gutes Sensorium für diese Aufmerksamkeit ist das Klangbild – beim Gesang, beim Gebet, in stillen Phasen. Man lernt mit der Erfahrung, dies genauer herauszuspüren. Aber auch der eigene Herzschlag, die Körpertemperatur und empfindliche Körperregionen (Wirbelsäule, Füße, Stirn) können viel über die Atmosphäre mitteilen. Im folgenden Abschnitt sollen darum Hinweise zu den Sinneswahmehmungen gegeben werden:
Vom Sinn der Sinne
Ich bin hoffentlich bei Sinnen und mit allen Sinnen wirklich im Gottesdienst präsent. Hier geht es also um meine fünf Sinne und ihren Sinn in der Liturgie. Die Augen werden am meisten angestrengt. Sie können jede nur denkbare Hilfe gebrauchen. Also: Sind die Schrifttypen in Agende, Privatkonzepten, Bibeltexten, Lektionaren gut erkennbar und lesbar für mich? Stimmen meine Sehhilfen (Brille, Kontaktlinsen) für den Gottesdienst (reflexfrei, Weit- und Fernsicht)? Ist das Licht da, wo’s gebraucht wird, optimal verteilt oder ist es zu gering, zu grell, zu sehr vorstrukturiert? Gibt es Blendungen, Schlagschatten in „meiner Kirche“? Wie verändern sich die natürlichen Lichtverhältnisse je nach Jahres- und Tageszeit? Weiß ich das überhaupt? Welche künstlichen Lichtquellen gibt es, welche brauche ich nicht, welche zusätzlich? Was sehe ich überhaupt, was sehe ich nicht oder nur bei Veränderung der Perspektive? Was will ich nicht (lieber nicht) sehen? Wie geht es mir in Gottesdiensten mit gedämpftem oder wenigem Licht (Advent, Weihnachten, Abendgottesdienst, Beleuchtung in „Nebenkapellen“, Krypten, Friedhofskapelle)? Die Ohren kann ich – anders als die Augen -nicht schließen. Sie sind aber für mein Baum- und Stimmungsempfinden, für die Eigenkontrolle der Stimme und das tiefere Erleben der Liturgie sehr wesentlich. Im „normalen“ Gottesdienst können viele Pfarrer schlecht mit Nebengeräuschen umgehen. Bei der Predigt oder bei Amtshandlungen lenkt es sie ab, bei Gebeten, nicht nur den „stillen“, fühlen sie sich gestört. Was tun? Es ist hilfreich, innerlich diese Nebengeräusche anzuerkennen. Ich „definiere“ sie mental, anstatt zu versuchen, angestrengt wegzuhören. Diese Art der Definition (was wörtlich Eingrenzung oder Umgrenzung bedeutet) der Störung hilft, sie auszuhalten. Man muss das üben und bewusst vollziehen. Schwieriger ist das, wenn z. B. Kinder oder Erwachsene, unter ihnen oft Schwerhörige, sich während des Gottesdienstes laut unterhalten, spielen usw. Hier reicht das innere Definieren manchmal nicht aus und ich werde – in Form einer freundlichen Bitte – auch ausdrücklich eine Situation neu definieren ... Meine Hände berühren während des Gottesdienstes Menschen, Sakralobjekte, Liturgiegeräte, verschiedene Bücher und einiges von Mobiliar und Innenarchitektur. Diese taktile Kommunikation ist im Empfinden und Erleben nicht für alle gleich. Berührungen mit anderen Menschen überschreiten die normale Schranke. Wenn ich beim Segnen den Kopf einer Person berühre, ist das etwas sehr Intimes. Einen Täufling zu „waschen“, wenn auch „nur“ symbolisch, ist ein Kontakt, der eigentlich den Eltern vorbehalten ist. Einen alten, gebrechlichen Menschen beim Arm regelrecht festzuhalten, um ihm den Abendmahlsempfang zu erleichtern – bin ich jetzt nicht der ihn umsorgende, pflegende Freund? Kon-Takt geht mit Takt einher. Es ist wichtig, mir auch im Vollzug und in der eigenen Gottesdienst-Rückschau bewusst zu machen, was ich in diesen Berührungen selber empfinde, welche Gefühle, Botschaften, Geschichten oder Bilder dadurch bei mir ausgelöst werden. Jede Umarmung enthält ein Signal. Sich über diese Dinge untereinander auszutauschen, etwa im Kollegenkreis, im Gottesdienstteam, im Gemeinde-vorstand/Presbyterium, ist sehr hilfreich. Der Geschmackssinn ist im evangelischen Gottesdienst ziemlich unterentwickelt. Die in vielen Gemeinden üblichen Hostien schmecken nach „gar nichts“, der Wein (oder Saft) ist außerhalb von guten Anbaugebieten auch nicht gerade etwas sehr Erlesenes. Und bei „echtem Brot“, bei Agape-Feiern und Ostermorgen-Frühstücken mögen es die Evangelischen in aller Regel schlicht. So ist die klassische Aufforderung zur Kommunion „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist!“ in Hinsicht auf die darin angesprochenen Sinne in der Regel recht enttäuschend. Dennoch „schmecken“ manche Gottesdienste und andere hinterlassen einen faden Nachgeschmack. Oder einiges wird als geschmacklos empfunden. Kurz: Auch dieser Sinn lässt sich nicht abschalten. Für mich als Liturgen ist bedeutsam, welchen Geschmack ich am Gottesdienst finde, d. h. die Frage: Wie schmeckt mir eigentlich diese Arbeit? (Im übrigen weist dieses Thema daraufhin, dass im evangelischen Bereich hier noch Brachland ist, wenn man die „Einbettung“ der Gottesdienste in Gemeinde- und Sinnenleben in anderen Gegenden der Ökumene dazu vergleicht: Essen oder Snacks vor- oder nachher, Obst in Pausen, Getränke usw.) Ähnlich kärglich geht es im evangelischen Gottesdienst für den Geruchssinn zu. Bis auf den Duft von Wein, Saft oder frischem Brot beim Abendmahl gibt es an Gerüchen nur Blumen, Holz (Bänke), Kerzen. Etwas mehr ist in Advents- und Christfestzeit zu schnuppem, wenn Tannenduft den Raum erfüllt, oder bei Gelegenheiten wie dem Erntedankfest, wenn Früchte, Obst u. a. die Kirchen schmücken. In Moscheen werden vor großen Gottesdiensten (Freitagsgebet) Rosen ausgelegt oder der Gebetsraum mit Rosenduft parfümiert; in der orthodoxen Chrysostomos-Liturgie wird etwa zur Halbzeit Rosenwasser für Gesicht und Hände verschüttet. Und ist nicht der verströmende Weihrauch, der das Evangeliar begleitet und den Altar zur Messfeier schmückt, nicht so etwas wie ein „Geruchsgebet“, wie es die uns benachbarte katholische Tradition noch pflegt? Viel von dem, was dagegen Protestanten über den Geruchssinn aufnehmen, ist ihnen unangenehm: Schweiß, Muffgeruch der vom Regen nassen Kleider, alte Bücher. Was fühlen und denken eigentlich Evangelische, wenn sie vom „Duft der Erkenntnis Christi“ lesen oder gar „Mein Gebet möge vor dir gelten als ein Räucheropfer ... “ aus dem Psalm mitbeten? Die Liturgen tun gut daran, sich aller ihrer Sinne – auch des Geruchssinns! – zu bedienen, um wirklich ganz im Gottesdienst anwesend zu sein, jede Witterung aufzunehmen und mit allen, die Gott feiern wollen, Wege zu finden, dass alle Sinne im Gottesdienst akzeptiert werden. Wenn etwas schief geht: Unvorhergesehenes und Pannen Alles, was passieren kann, passiert auch, und zwar mir! Ich kann als Liturg etwa ein wichtiges Gebet, ja sogar wichtige Stationen einfach vergessen; mein Predigtskript segelt plötzlich von der Kanzel. Oder ich bleibe stecken: In der Predigt, bei einer Lesung; ich kann eine generelle Blockierung haben oder eine, die sich auf ein spezielles (in der Erinnerung belastetes, sprachlich schwieriges) Wort bezieht. Gefürchtet sind Husten- oder Lachanfalle. Mir können Geräte oder Hostien zu Boden fallen; oder die Bibel rutscht aus der Hand, fallt von der Kanzelbrüstung. Ich kann stolpern, ausrutschen und die Treppe zur Kanzel lauert geradezu mit Einladungen zu Fehltritten.
Was tun?
Wenn ich in der Liturgie etwas vergessen habe, kann ich’s nachholen. Wenn andere oder ich selbst bestimmte Gegenstände vergessen haben, dann frage ich, und zwar laut und vernehmlich: das Mitglied des Gottesdienstteams in meiner Nähe oder einen Mitfeiernden aus der Gemeinde. Das meiste lässt sich – und zwar öffentlich! -korrigieren, und immer möglichst in aller Ruhe. Manches lässt sich schlecht wiederholen oder nachholen, etwa ein Satz aus dem Glaubensbekenntnis oder eine vertauschte Reihenfolge bei Einsetzungsworten oder Segen. Dann ist es so. Die Regel ist einfach: Was ich korrigieren und nachholen kann, tue ich auch. Kurz und knapp – also ohne langen Sermon obendrauf! Wenn mir etwas hinfallt, hebe ich’s auf oder bitte jemanden darum (z. B., wenn’s von der Kanzel herunterfiel). Wenn andere oder ich Gegenstände vergessen haben, hole ich sie oder lasse sie besorgen (z. B.: Familienbücher, Trauringe, Taufwasser, Abendmahlselemente). Dabei gibt es immer eine Hierarchie, die von „unbedingt jetzt nötig** über „bis zur entsprechenden liturgischen Station dringend gebraucht“ bis zum „kann nachgereicht oder jetzt durch XY ersetzt werden“ reicht. Bei körperlich ernsten Unfällen des Liturgen oder eines Mitfeiernden gibt es eine Unterbrechung, notfalls sogar einen Abbruch des Gottesdienstes. Bei massiven Störungen (Eindringen von Störenfrieden und dergleichen) hilft nicht Heldenmut, sondern passive Verteidigung und notfalls Polizei. Bei Stromausfall ist nach Überprüfung des Sicherungskastens nichts weiter zu tun. Notfalls wird ohne Orgel gesungen und es geht ohne das Lautsprechersystem weiter. Wenn das abends passiert, ist eine schnelle Beendigungbesser, als einen „Candle-light“-Gottes-dienst zu versuchen. Die Unfallgefahr im Dunkeln ist für ältere und gebrechliche Gäste doch sehr hoch. (Im Übrigen finde ich natürlich auf der Kanzel und in der Sakristei bzw. am Küsterplatz, immer eine funktionierende Taschenlampe.) Bei Gewittern mit Wolkenbruch oder Orkanen, die Dachziegel herunterfegen, ist unter Umständen Unterbrechung oder sogar Abbruch der Liturgie nötig, nicht aber – außer, wenn es die Situation zulässt oder gar erfordert! – das Verlassen der Kirche. Trauungen und andere Amtshandlungen haben einen hohen Vollzugsdruck, d. h. sie können nicht so leicht verschoben werden. Fällt also der Liturg oder die Pfarrerin aus, ist es gut, wenn Informationen über schnell einsatzbereite Vertreter (dazu gehören auch Diakone und ordinierte Laienprediger!) oder „Notliturgien“ vorhanden sind. Bei anderen Vorfällen muss je nach Situation entschieden werden.
Zum Amen in der Kirche
Mehrfach kommt im Gottesdienst ein gesprochenes oder (von der Orgel gestützt) gesungenes einfaches oder dreifaches Amen vor. Es „gehört“ in der Regel der feiernden Gemeinde, die damit eine liturgische Station (inkl. Predigt!) abschließt, dem Geschehenen also zustimmt, es bekräftigt und versiegelt. Obwohl das so auch in den Gottesdienstordnungen gekennzeichnet ist, wird es im evangelischen Bereich fast nur noch beim Schluss-Amen (nach Sendung und Segen) als letzter Dialog in der so genannten Entlassung verstanden und praktiziert. Vorschlag: Liturgen, gebt der Gemeinde (zurück), was der Gemeinde ist!
Meine spirituellen Zufluchten
Es gibt im Fortgang eines Gottesdienstgeschehens Momente, Phasen oder gar Orte, an denen ich mich sicherer und entspannter fühle als an anderen. Da sind z. B. wiederkehrende Momente, auf die ich mich freue. Es ist sinnvoll und hilfreich, sich dieser Punkte so bewusst zu sein wie der oben erwähnten Störungen. Solche „Stellen“ in der Liturgie brauche ich, will ich wirklich Gottesdienst mit anderen feiern. Das können Lieder sein, bestimmte Texte (etwa aus den Psalmen), gewisse intensive Augenblicke der Stille oder schlicht Pausen, z. B. bei Orgelstücken oder wenn andere Mitwirkende Hauptträger des gottesdienstlichen Geschehens sind. Diese Momente kann man mit Gedanken, mit Kurzgebeten oder mit einem tieferen „Durchatmen“ oder einer isometrischen Muskel-An- und Entspannungsübung markieren. Sie bilden gewissermaßen ein Netzwerk, das mich auch über Untiefen und „gefährliche“ Passagen hinwegträgt. Wer Erfahrungen im Feiern der Liturgie gewinnt, wird diese Momente und Orte bald kennen und sie – je nach Kirchengebäude oder besonderer Liturgie – überall wiederfinden und in Anspruch nehmen können. Für manche gehören dazu auch einfache Wahrnehmungen, z. B. von vertrauten Gesichtem oder Stimmen.
Wie komme ich gut aus dem Gottesdienst heraus?
Vielerorts gehen Pfarrer oder Pfarrerinnen (mit oder ohne das Gottesdienstteam) noch vor der Gemeinde zum Ausgang, um sich dort von der Gemeinde zu verabschieden. Wo es Brauch ist, wird es sich schwerlich ändern lassen. Es betont aber zu sehr die Rolle der Talarträger oder vermeintlichen Veranstalter und lässt vergessen, dass Gott zum Gottesdienst eingeladen und im Segen seinen Abschied zugesagt hat. Dass Pfarrer und Liturgen, Kantoren usw. – (ohne Talar und) eine Weile später – noch vor der Kirche oder in Sakristei oder Gemeindehaus informell zu Kontakten, zum Kaffee und zu Nachgesprächen da sind, ist etwas anderes. Hier interessiert neben dem physischen auch der mentale, innere Weg aus dem Gottesdienst heraus. Dazu ist anzumerken, dass dem Spannungsaufbau, der sich lange vor dem eigentlichen Gottesdienst zu entfalten beginnt, nun auch wieder die behutsame, sorgsame und bewusste Energieabsenkung am Ende entspricht. So „heilig“ die Aufbauzeiten und Wege in den Gottesdienst sind, so prekär sind die Wege aus dem Gottesdienst heraus: Viele sind dann erhitzt, schweißgebadet und „überentspannt“, d. h. ihre Betriebsspannung erschlafft zu schnell. Statt bewusst aus der Präsenz der Gottfeier herauszugehen, gibt es mentale, psychische und auch physische Abbrüche: Die meisten kleinen Unfälle (Ausrutschen, sich verheben, an Kanten stoßen usw.) geschehen in dieser Phase. Es gibt kein Rezept für diese Abspannphase. Physiologisch ist sinnvoll, für Flüssigkeitszufuhr zu sorgen. Auch Ruhe, wenn auch nur für zwei, drei Minuten, ist sehr hilfreich. Vielen ist danach, sich „irgendwohin“ zurückzuziehen. Warum tun sie’s nicht? Jeder wird für sich selber gute Wege aus dem Gottesdienst finden müssen. Vorausgesetzt, diese Minuten am Ende und danach sind einem als prekäre Momente bewusst – und die Bereitschaft ist vorhanden, für sich selber auch an dieser Stelle Verantwortung („Fürsorge“) zu übernehmen. Bewährt hat sich z. B., den Talar/die Albe usw. bewusst langsam und sorgfältig auszuziehen und die eigenen Utensilien ruhig in die Tasche zu packen. Auch das mentale Durchgehen durch den gerade erlebten Gottesdienst hilft und natürlich – wie das Rüstgebet! – ein persönliches Abschlussgebet zur „Abrüstung“. Wer kann, massiere sich angespannte Muskelpartien und erlaube sich hier private, entspannende Bewegungen. Zu Hause sollte ein Kurzeintrag, eine Art Miniprotokoll zum Gottesdienst, besonders auch zur Predigt, verfertigt werden. Darin stünde auch, was „noch kurzfristig“, „in letzter Minute“ oder spontan geändert wurde/verändert werden musste und warum. Was waren persönliche Höhe- und Tiefpunkte, was waren atmosphärisch dichte Passagen, was waren gute/negative Über raschungen? Was hat sich bewährt? Was muss neu überlegt werden? Wenn es ein Gottesdienstteam gibt, wären diese Fragen natürlich gemeinsam zu besprechen. Das direkt im Anschluss an den Gottesdienst zu tun, ist die zweitbeste Lösung. Ein gewisser Abstand, ein persönliches Vorsortieren und Achten auf die stärkere, längere Nachwirkung von Erlebtem, ist für die ständige Arbeit am Gottesdienst günstiger.